OUT OF OFFICE?

Früher, als wir dachten, wir wüssten schon alles, in Wahrheit aber Ahnung von gar nichts hatten, bis auf die nächste Seminararbeit oder Party vielleicht, war Urlaub ein Fest. Im Urlaub ließ man seinen Alltag hinter sich, ja, das ganze Leben war ein anderes. Neues Land, neue Leute, neues Essen, neue Welt. Der Austritt aus dem eigenen Leben und die temporäre Zuflucht in eine fremde Kultur mit all ihren exotischen Annehmlichkeiten entspannte und inspirierte uns – selbst, wenn man dafür nach El Arenal reiste.

 

Man zeigte der ganzen Welt nicht, wie toll das alles war. Man teilte seine Sangría mit einer hübschen Urlaubsbekanntschaft, nicht mit Followern. Der Moment war gut.

 

Niemand nutzte sein Smartphone aggressiv und ließ sich penetrant davon abhalten, Langeweile zuzulassen, den Chef oder die Ex zu vergessen, den Wolken nachzusehen oder das verdammte Gras wachsen zu hören. Auch hatte niemand ein digitales Mitteilungsbedürfnis Trump'scher Art. Soziale Medien permanent mit persönlichen Belanglosigkeiten und Halbwahrheiten zu überfluten, lag damals noch in einer nicht allzu fernen exhibitionistischen Zukunft.

 

Früher hatten wir außerdem keine Kinder. Den ersten Urlaub mit unserem ersten Kind werde ich nie vergessen. Sommer 2015, Italien wurde von einer Hitzewelle biblischen Ausmaßes überrollt, die Luft erdrückte alles und jeden, nur die Mücken nicht, der Sohn war gerade ein Jahr alt geworden und konnte fast laufen. Das Alter ist sehr süß, bringt aber auch einige Herausforderungen mit sich. Vor allem, wenn es so heiß ist, dass man sich ab neun Uhr morgens bestenfalls liegend, im Wasser, oder im Wasser liegend aufhält; in jedem Fall in irgendeiner energiesparenden Position – was man mit Kleinkindern bekanntlich nie tut.

 

Der Sehnsuchtsort meines Mannes ist ein kleiner ligurischer Küstenort namens Lerici. Wenn man sich eine italienische Postkarte vorstellt, die eine Steilküste zeigt, mit bunten Häuschen im Hang und einem kleinen Hafen voller Segelboote, weiß man, wie Lerici aussieht. Es riecht nach Diesel und Salz, nach frisch frittierten Sardellen und Pinien, die inländischen Touristen zeigen, was sie haben, Bella Italia und Dolce Vita und Amore. Es ist wirklich bezaubernd in Lerici. Eigentlich.

 

Das Meer lag zwar in Sicht- aber nicht in Abkühlweite, denn unser Haus befand sich oben am Hang und bis zum Wasser mussten 486 Stufen hinunter- und im Anschluss wieder heraufgekraxelt werden. Kein Problem ohne Kleinkind. Aber wer Kinder hat, weiß: Man benötigt für einen einfachen Strandbesuch eine Ausrüstung, mit der man locker auch 14 Tage lastminute verreisen könnte.

 

Hinzu kam, dass der winzige Strand so voll war, dass der Gang zum Wasser unüberwindbar schien ohne auf zehn fremde Handtücher/Chipstüten/Bierflaschen/Hunde zu treten. Es gab dort keinen Sand, sondern Steine, was das Aufstellen unseres Schirmes unmöglich machte und damit auch den Aufenthalt am Strand. Kein Schatten = kein Kleinkind. Wir erklommen also den Berg zurück zu unserem Haus nach jedem Bad, die Erfrischung war nach zwei Stufen natürlich dahin. Oben kamen wir nassgeschwitzt, keuchend und fluchend an und hätten uns eigentlich sofort wieder abkühlen müssen ­– ein Teufelskreis. Im Garten gab es immerhin eine Dusche, pro Benutzung waren 23 Mückenstiche inklusive.

 

Die Temperaturen wären sicher akzeptabler gewesen, wenn wir uns nachts erholt hätten. Tja. Jeden Abend feierte Lerici auf dem nahegelegenen Marktplatz eine Party – bis drei Uhr morgens. Ganz Italien hat im August Ferien und da die Nächte sehr viel erträglicher sind als die Tage, werden diese entsprechend zelebriert. Die unter unserem Schlafzimmer stattfindende Mischung aus Tanz, Aerobic und Wahnsinn wurde von verzerrter Musik und einem Animateur mit Megafon euphorisch begleitet. Es war so laut und nervtötend, dass wir selbst mit Ohropax nicht schlafen konnten. Die Hitze, die erst in den ganz frühen Morgenstunden etwas nachließ, tat ihr Übriges.

 

Der Sohn wachte jeden Morgen zwischen fünf und sechs auf. Ich nahm ihm das nicht übel: Es war die mit Abstand angenehmste Zeit des Tages. Mein Mann und ich schliefen nicht mehr als drei Sunden, jede Nacht. Wir waren mürbe und müde und hassten alles und jeden am Ende dieser Woche. 

 

Vier Jahre später haben wir einiges dazu gelernt, doch mit zwei kleinen Kindern urlaubt man trotzdem nicht in Jane Austen versunken auf dem Liegestuhl und lässt sich ab dem frühen Nachmittag Schirmchencocktails reichen. Man geht auch nicht „schön essen“. Liebe Instagrammer: Ich glaub euch kein Wort #blessed.

 

Wenn man mit Kleinkindern ein Restaurant besucht, achtet man darauf, dass nicht zu viel kaputt geht und bestellt Nudeln mit Butter. Also bleibt man gern in der Ferienwohnung, vergisst sich anzuziehen oder wo man das Weinglas abgestellt hat und kocht Nudeln mit Butter.

 

Und da man auch dabei nie das Handy abschaltet, sondern sich ständig ablenken lässt und so selten wirklich präsent ist in den vielen lustigen und schönen und schwierigen Momenten des Lebens, das ja trotz herumfliegender Fussili oder schmerzendem Liebeskummer oder vergeigten Projekten nicht dasselbe ist in einer anderen Stadt, in anderen Räumen, in anderer Luft, schaltet man selber eben auch nie richtig ab. Schade eigentlich. Wir sollten alle viel mehr offline sein.